Warum Eros statt Gier unsere Ökonomie beflügeln sollte

Philosoph Christoph Quarch zum Thema Gier

Philosoph Christoph Quarch. Foto: Nomi Baumgartl

KulturVision befasst sich intensiv mit Gesellschaftsthemen, weil diese neben den verschiedenen Künsten auch zur Kultur gehören. Insbesondere bewegt uns die Frage: Wie können wir eine enkeltaugliche Zukunft mitgestalten? Hier haben wir einige Gedanken von Philosoph Christoph Quarch zusammengefasst zum Thema „Gier“.

Mit seinen Studenten hat er kürzlich den Film „Wall Street“ von Oliver Stone angeschaut. Darin drückt Finanzinvestor Gordon Gekko in einer Schlüsselszene aus, was unsere Zeit erschreckend beschreibt: „Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.“

Die Gedanken, die Christoph Quarch dazu bewegen, sind folgende:

„Die Worte sind zwar einem Film entnommen, doch treffen sie ins Herz der Welt, in der wir leben. Diese Welt ist eingerichtet nach Maßgabe einer Selbstdeutung des Menschen, in dessen Zentrum der Glauben steckt: Gier ist gut. Und ist es nicht wahr: Rechtfertigt die enorme Wohlstandsvermehrung der Neuzeit nicht diese im Zeichen der Ökonomie erfolgte Umwertung aller Werte? Hat sich die Gier als Motor der Moderne nicht bewährt? Ist Gier nicht wirklich gut, wenn sie es doch schaffte, eine Wirtschaftsordnung zu etablieren, die in der Summe eine nie gekannte Lebensqualität erzeugt hat?

Gier ist ein starker Motor

Dass Gier ein starker Motor ist, kann nicht bezweifelt werden. Und dass sie viele Menschen reich gemacht hat, ebenso wenig. Doch ist das nur die eine Seite, denn die Welt des Homo Oeconomicus hat mindestens genauso viele dunkle Flecken: der Raubbau an der Umwelt, das Auseinanderfallen von Gesellschaften, der Hunger in weiten Teilen der Welt, Kriege, Terror, Depression.

Doch wäre es zu einfach, für all das die Gier zur Rechenschaft zu ziehen. Was bliebe uns als Motor, wenn die Gier nicht wäre oder wenn wir sie uns verbieten wollten? Würde uns nicht eine kostbare Energie verloren gehen? Man muss die Gier verstehen, um auf diese Fragen antworten zu können. Gier ist nicht böse, aber Gier ist auch nicht gut. Was ist sie dann? Sie ist flach, sie ist unreif, sie ist klein – und sie generiert eine flache Welt der Oberflächlichkeit: die Welt des Homo Oeconomicus.

Bei Platon im Symposium gibt es eine Passage, in der Sokrates die Gier nach Geld und Ruhm als eine Schwundform dessen deutet, was er Eros nannte. Und in der Tat ist Eros eine starke Kraft im Leben eines Menschen. Er ist die stärkste Kraft; und es wohnt auch dem Eros die Begierde inne, die den von ihm beseelten Menschen treibt.

Doch Eros strebt nicht nach Geld und Ruhm, sondern nach voll erblühtem Leben und nach Schönheit. Er will das Leben ganz lebendig machen.

Gefragt ist eine von Eros geprägte, eine „erotische“ Ökonomie

Was wir bräuchten, wäre eine nicht von Gier, sondern von Eros beflügelte Ökonomie: eine Ökonomie, die sich rückgebunden weiß ans Maß des Lebens – eine erotische Ökonomie, die sich die treibende und klärende Kraft des Eros nutzbar macht, um dem Leben auf Erden zu dienen und es zu entfalten.

Christoph Quarch und Marc Tügel beim ersten Philosophietag in Valley
Christoph Quarch und Marc Tügel beim ersten Philosophietag in Valley. Foto: Petra Kurbjuhn

Die Kraft dieser Ökonomie wird der heutigen Wirtschaftskraft nicht nachstehen. Im Gegenteil: Sie wird sie überflügeln, denn ihr Wachstum wäre nicht mehr nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ: mehr Leben, mehr Schönheit, mehr Liebe.“

Der  Philosoph Christoph Quarch besucht auf Einladung von KulturVision regelmäßig den Landkreis Miesbach und hält Tagesseminare zu Themen, die ihm und uns auf der Seele brennen. Im letzten Herbst war er zu Gast in Valley zu einem Philosophietag mit dem Thema: “ Wachsen – aber richtig“ im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Anders wachsen“. Hier ist der Link zu unserem Artikel über das Seminar.

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