Bibliothek der Gerüche

Bücher unter der Käseglocke: „Bibliothek der Gerüche“ im Museum Villa Stuck.

Bücher unter der Käseglocke: „Bibliothek der Gerüche“ im Museum Villa Stuck. Foto: Ines Wagner

Ausstellung in München

Bücher riechen, fühlen, hören? Der Geruch der Bücher ist das zentrale Thema einer ungewöhnlichen Ausstellung der Japanerin Hisako Inoue in der Villa Stuck in München. Ausdrücklich zum Anfassen und Spuren hinterlassen.

Die antiquarischen Bücher sind mit ihren unterschiedlichen Gerüchen Sinnbild eines »gelebten Lebens« – im Sinne der animistischen Tradition Japans. Dort ist der Glaube an die Beseeltheit von Gebrauchs- und Alltagsgegenständen gegenwärtig. Hisako Inoue sieht Parallelen zwischen Buch und Mensch und vergleicht den Verlauf eines menschlichen Lebens mit den Stationen einer Buchnutzung.

Alle Bücher dürfen angefasst werden - Buchkunst zum Anfassen und blättern

Alle Bücher dürfen angefasst werden. Foto: Ines Wagner

Die Ausstellung ist in der Tat ungewöhnlich. Buchkunst, Kunst ums Buch? Ganz ausdrücklich sollen die Bücher in die Hand genommen werden. Und dann soll die Nase tief hinein gesteckt werden. Tief die Luft einsaugen. Anhalten. Den Geruch wirken lassen. Ruft er Erinnerungen wach? Welche? Und welche Spuren hinterlassen die Hände des Benutzers? Und welche Geschichte erzählen wiederum diese?

Olfaktorische Buchkunst

Die japanische Künstlerin hat über 70 Bücher aus Antiquariaten und von Freunden gesammelt. Aus diesem Fundus präsentiert sie 22 Stück – unter Käseglocken. Genau wie beim Käse sollen die Glocken den Geruch festhalten. Und beim Öffnen darf dieser Geruch verströmen und sich entfalten. Ganz verschiedene Bücher sind darunter. Ihr Alter ist so unterschiedlich wie ihr Geruch, das Geräusch der umblätternden Seiten, die Haptik des Papiers.

Foto: Per Gynt riecht nach dem Keller einer alten Burg – sagt das Netzdiagramm.
Foto: Per Gynt riecht nach süßem schwarzem Tee. Foto: Ines Wagner

In einem Netzdiagramm hat Hisako Inoue die Geruchsanalyse jedes Buches dargestellt. Eine Bibel aus dem Jahr 1819 mit erstaunlich dünnen und doch festen Seiten stuft das Diagramm geruchsmäßig ein mit: „Keller einer alten Burg“. Homers Ilias hingegen, eine Schulausgabe, riecht nach „Mentholbonbons und jugendlicher Schweiß“. Interessant ist, die eigenen Geruchswahrnehmungen mit dem Diagramm der Künstlerin zu vergleichen. Tatsächlich riecht Homers Buch nach Apotheke. Wonach riecht Peer Gynt in einer Ausgabe aus dem Jahr 1957? Nach süßem schwarzen Tee.

Gerüche als Geschichtenerzähler

2016 hat Inoue die Bücher nach Japan mitgenommen. Dort hat die Geruchsforscherin Mika Shirasu sie analysiert und 18 Geruchsbestandteile isoliert. Betritt man den nächsten Raum, stehen dort 22 braune Fläschchen. Auch hier gehts der Nase nach. In den Fläschchen befinden sich die isolierten Gerüche. Stimmen sie mit der eigenen Wahrnehmung überein?

Rund um Buchkunst Begehbarer Kubus voller Papier.
Begehbarer Kubus voller Papier. Foto: Ines Wagner

Höhle voll knisterndem Papier

Hisako Inoue bespielt gleich mehrere Räume der faszinierenden Villa Stuck mit ihrer Bibliothek der Gerüche. Im Obergeschoss befindet sich ein schwarzer Kubus, angefüllt mit zerknülltem Papier. Die Besucher der Ausstellung sind dazu eingeladen, sich ins Innere zu begeben. Der schwere Geruch des Papiers, der Tinte und Druckerschwärze steigt in die Nasenflügel.

Auch ein Teil der Buchkunst: Geruch, Haptik und Wärme des Papiers erspüren.
Die Besucher können Geruch, Haptik und Wärme des Papiers erspüren. Foto: Ines Wagner

Papier und Köperwärme

Man kann sich darin wälzen, Purzelbäume schlagen, vorsichtig darüber gehen, sich hinein legen und für ein paar Augenblicke die Augen schließen. Ganz den Geruch aufsaugen und das Geräusch, dass das Papier unter den Schritten der anderen Besucher macht. Erstaunlich weich ist es. Und warm. Je länger die Verweildauer, desto stärker absorbiert das Papier die Körperwärme. Die Zeit steht still.

Soundinstallation Zeit-Takt

Die Zeit des Lebens hängt mit dem ununterbrochenen Herzschlag zusammen. Ebenso kann die Beziehung zwischen Menschen und Büchern auch durch den Takt des Umblätterns der Seiten zum Ausdruck gebracht werden. Wer die Glasglocke anhebt, kann diesem Takt lauschen. Geräusche von Besuchern der Bibliothek vermischen sich in einer anderen Soundinstallation mit den Geräuschen des Umblätterns. Am Schönsten ist es, die Bücher dicht ans Ohr zu halten, während die Seiten umschlagen. Jedes Buch klingt anders. Das ist nicht weiter erstaunlich, aber zauberhaft anzuhören.

Olofaktorische Buchkunst: Gerüche erzählen Geschichten
Die Räume der Villa Stuck bieten einen würdigen Rahmen für die Bibliothek der Gerüche. Foto: Ines Wagner

Hisako Inoue erzählt mit ihren Buchgerüchen Geschichten, lässt die Bücher Geschichten erzählen und die Besucher Geschichten erleben. Wer alte Bücher liebt, kommt in dieser Ausstellung, in der man alles in die Hände nehmen kann, ganz auf seine Kosten.

Die Ausstellung „Bibliothek der Gerüche“ von Hisako Inoue in der Villa Stuck ist noch bis zum 14. Januar 2018 zu sehen. Parallel läuft ein Rahmenprogramm. Am 10. Januar 2018 findet ein Workshop mit der Künstlerin statt: »Gerüche lesen!« . Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Museums Villa Stuck.

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